Internationaler Freimaurerorden für alle Menschen Österreich

LE DROIT HUMAIN

DAS MENSCHENRECHT

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Galerie der Erinnerung

Anna Aurednicek

Anna Aurednicek

Die in Prag am 22. Jänner 1873 als Anna Schiková/Schik geborene Tochter von Ignát Schik (1841-1899) wurde zusammen mit ihm 1885 jüdisch getauft. Ihr Vater war angesehener Anwalt, Journalist und alttschechischer Patriot, der seiner Tochter eine ausgesprochen gute Ausbildung ermöglichte. Diese begann in der Volkschule der Prager Neustadt, in der Rainer Maria Rilke ihr Mitschüler war, und setzte sich in einer privaten höheren Mädchenschule in Dresden fort. Hier lernte sie Deutsch, Französisch und Englisch. Anschließend erfolgten private Fortbildungen bei Prager Gelehrten und der örtlichen Kunstszene. Das Elternhaus, der Vater war Chefredakteur der alttschechischen Parteizeitung „Politiky“, bot durch seine bunte Gästeschar zusätzlichen Anschauungsunterricht. 1891 heiratete sie mit 18 Jahren den um neun Jahre älteren Zdenko Auředníček (1864-1932). Er entstammte einer alttschechischen Anwaltsfamilie und hatte seinerseits das Studium der Juristerei gewählt. Das Paar lebte bis 1901 in Kuttenberg/Kutná Hora, wo der Ehemann die Kanzlei seines kranken Vaters übernommen hatte. Anna Auředníčková bekam zwei Kinder, Sohn Zdenko (später Ingenieur und Vorstand eines großen Prager Industieunternehmens) wurde 1892 geboren, Tochter Anna (später Schauspielerin) 1897.

Als Anna Auředníčkovás Mann 1899 den eines Ritualmordes beschuldigten jüdischen Leopold Hilsner verteidigte, kam es im Verlauf des Prozesses in Mähren zu antisemitischen Ausfällen, die mit heftigen Kritiken am Rechtsbeistand einher gingen. Unterstützung erhielt dieser während der Turbulenzen unter anderem von dem Universitätsprofessor und Philosophen Tomáš Masaryk, wodurch eine enge Freundschaft entstand. Doch die Geschehnisse eskalierten und Zdenko Auředníček wurde schnell an Leib und Leben bedroht. Man diskreditierte ihn als Fachmann und er verlor infolge dessen zunehmend seine Klientel. Dadurch sah sich die Familie auch auf Anraten des Freundes Masaryk genötigt, 1901 aus beruflichen und Sicherheitsgründen nach Wien zu übersiedeln. Der erzwungene Ortswechsel bedeutete für den Anwalt einen vollkommenen beruflichen Neubeginn, den er jedoch durch Fleiß und Engagement bewerkstelligen konnte. 1918 gelang es ihm außerdem für Leopold Hilsner vom letzten Kaiser der Habsburgermonarchie, Karl I., eine Begnadigung zu erwirken. Der Rest der lebenslangen Kerkerstrafe wurde ihm damit erlassen. 1920 fand die Affäre in dem kurzen Stummfilm Das Drama eines unschuldig Verurteilten/Der Fall Hilsner Eingang, indem sowohl das Opfer als auch sein Verteidiger zu Protagonisten wurden. 1928 starb Hilsner völlig verarmt in Wien, doch sein ehemaliger Anwalt konnte ihm hier die letzte Ehre erweisen. 2016 wurde der Prozess erneut aufgegriffen und als Das Verbrechen in Polná als zweiteiliger tschechischer Fernsehfilm ausgestrahlt. Anna und Zdenko sind darin ebenso vertreten wie ihr Freund Tomáš Masaryk.

Der Umzug nach Wien bedeutete für das Paar eine Neuorientierung und für Anna Auředníčková professionell einen ungewollten Neubeginn. Die nicht einmal Dreißigjährige nützte dafür ihr Sprachtalent. Ihre deutschen Übersetzungen von tschechischen Essays oder Kurztexten erschienen regelmäßig in zahlreichen Zeitungen wie Arbeiterwille, Sport im Bild, Arbeiterzeitung, Neues Wiener Journal, Neues Wiener Tagblatt, Der Abend, Die Unzufriedene, Der Kuckuck, Illustrierte Kronenzeitung, Mocca, Das interessante Blatt oder in der Neuen Freien Presse. Die Aktive war unermüdlich für die tschechische Literatur unterwegs und durch ihre zahlreichen Beiträge in der Öffentlichkeit äußerst präsent. Es folgten Übersetzungen von Büchern aber auch eigene Texte zum Beispiel im Neuen Wiener Tagblatt oder in Der Wiener Tag . Das Radio wusste sie in den 1930er Jahren mit ihren eigenen Werken und als Sprecherin für fremde zu nutzen.

Bereits im Februar des Jahres 1902 war ihr Mann in der Habsburgermonarchie in die Grenzloge Humanitas aufgenommen worden in der er bis 1909 verblieb. Spätestens ab 1930 findet man Anna Auředníčkováebenfalls als Mitglied in der 1922 gegründeten gemischten Freimaurerloge Vertrauen des Österreichischen Le Droit Humain. Tochter Anna erhielt 1933 den Zutritt und auch ihr Sohn war in Prag ein Mitglied im Freimaurerbund geworden. Dieser bot ihr offensichtlich ein weiteres Forum der Vernetzung, denn sie besuchte auch immer wieder Prager Logen. Wenn sie 1936 in Wien Grüße der Prager Logenmitglieder bestellte und davon berichtete, dass dem Logenmitglied Zdenko Auředníček endlich wieder eine gemeinsame Arbeit einer deutschen und einer tschechischen Loge mit dem Thema Völkerversöhnung gelungen sei , so zeigt dies zweierlei: Einerseits, dass ihr Sohn in Prag ebenfalls Freimaurer war und andererseits, dass das Logenleben in den politisch überhitzten Zeiten durchaus überregional zur Völkerverbindung genutzt wurde. Dies betraf auch die enge Freundschaft mit dem tschechoslowakischen Präsidenten, Edvard Beneš, der wie sie Freimaurer war und von dem sie nach einem gemeinsamen Prager Logenbesuch 1936 Grüße nach Wien übermittelte.

In Wien bot das Paar schnell einen engagierten Kristallisationspunkt für Personen aus der tschechischen Politik, der Kunst und der Schriftstellerei. Anna förderte Veröffentlichungen von tschechischen Autoren und Autorinnen oder vermittelte Vorträge. Zusammen mit ihrem Mann nahm sie intensiv an der Gestaltung des Kulturlebens der Wiener Tschechen und Tschechinnen teil. Anna Auředníčková war in ihrer Wiener Zeit zudem in der nationalen und internationalen Frauenbewegung aktiv. Sie war Mitglied in der Federation of International Working Women. Immer wieder organisierte sie tschechische Musik- und Literaturveranstaltungen, bei denen sie auch selbst auftrat und deren Erlös oft wohltätigen Zwecken zu Gute kam. Zudem fand man sie beim Roten Kreuz, in der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit, im Verein der Schriftstellerinnen und Künstlerinnen etc. Ihr karitatives Engagement zeigte sich unter anderem in einem Inserat für einen mittellosen russischen Studenten.

Durch die Beziehung zu Masaryk, dem ersten Präsidenten der 1918 gegründeten Tschechoslowakischen Republik, der er bis 1935 in dieser Funktion vorstand, wurde die Verbindung zu ihrer Heimat auch auf politischer Ebene aufrechterhalten. Von ihm erhielt sie 1928 die höchste Auszeichnung, die das Land zu vergeben hatte, den Orden des Weißen Löwen. 1922 eingeführt wurde er an ausländische Staatsangehörige für ihre besonderen Verdienste um den tschechoslowakischen Staat verliehen. So fand sie sich mit dem österreichischen Bundespräsidenten Michael Hainisch und dem italienischen Faschisten Benito Musolini, die beide 1926 damit geehrt wurden oder mit Bundeskanzler Kurt Schuschnigg, der ihn 1936 erhielt, als eine der wenigen Frauen in männlicher Politgesellschaft.

Die unruhigen Zeiten der Zwischenkriegszeit boten mannigfaltige Möglichkeiten für Engagierte, Anna Auředníčková war eine von ihnen. 1929 wurde sie zusammen mit anderen in den Vorstand der Internationalen Liga für Frieden und Freiheit gewählt. 1933 nominierte man sie als Vorstandsmitglied der Österreichisch-Tschechoslowakischen Gesellschaft.

Im Jahr 1932 starb ihr schon länger kränkelnder Mann mit 69 Jahren in Wien, seine Asche fand ihren Platz jedoch in Prag auf dem Olšany-Friedhof. In zahlreichen Nachrufen wurde er für seine juristische Tätigkeit und seinen Mut im Hilsner-Prozess gewürdigt. Anna Auředníčková trug durch ihre rege Übersetzungsleistung maßgeblich zu der Bekanntheit tschechischer Autoren und Autorinnen in Österreich, Deutschland und der Schweiz, also im deutschsprachigen Raum bei. 1938 kehrte die Witwe mit ihrer Tochter Anna Albert nach Prag zurück. Im August 1942 wurde die fast Siebzigjährige in das Ghetto Theresienstadt/Terezín deportiert. Dort war sie in der Alten- und Krankenpflege tätig und nahm auch an verschiedenen kulturellen Veranstaltungen teil. Wie durch ein Wunder überlebte sie die Hölle aus der sie der Nachwelt schriftliche Erinnerungen hinterließ. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nach Prag zurückgekehrt, nahm sie ihre Übersetzungstätigkeit wieder auf, wobei sie sich vermehrt der Kleinpublizistik und der Rundfunkberichterstattung, nun für tschechische Kunstschaffende im Ausland widmete. Sie befasste sich thematisch in ihren Werken vor allem mit Erinnerungen an die Kindheit sowie mit bekannten Wiener und Prager Persönlichkeiten. Nach 1948 wurden ihr diverse Tätigkeiten untersagt. Die verdienstvolle Kulturbotschafterin starb am 19. Juli 1957 im Alter von 84 Jahren verarmt und fast vergessen. Mittlerweile ist die Erinnerung an sie zurückgekehrt.



Quelle: Archiv und Forschung des LE DROIT HUMAIN Österreich

Link: Anna Aurednicek auf der Plattform WIEN GESCHICHTE WIKI

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